Menschen aus Franken u.Bayern um 1330

" arm - und - reich "


                          

                                       Leitfaden für Gewandung und Ausstattung

 

Liebe Neueinsteiger ins Mittelalter – nun ist es also soweit. Du hast Dich für ein schönes und anspruchsvolles Hobby entschieden  Und jetzt geht es daran eine Darstellung zu wählen, die passende Gewandung zu erwerben und sich auszustatten.

 

Da hierbei viele Fallen und Stolpersteine lauern und wir natürlich möchten, dass Du von Anfang an Freude am Hobby hast, vermeidbare Fehler umgehst, Dich nicht lächerlich machst und vor allem nicht als Eventcamper in einem Kostümsäuferlager endest, geben wir Dir hier ein paar Tipps für einen umsetzbaren Start ins Mittelalter:

 

1.: Die Zeit in der Du „lebst“

Gehörst Du keiner Gruppe an die die Zeit vorgibt die Ihr darstellt und möchtest Du selbst entscheiden in welcher Zeit Deine Darstellung angesiedelt ist, musst Du Dir im Klaren darüber sein, dass je weiter Du Richtung Neuzeit gehst Deine Ausstattung sowohl an Umfang als auch an Kosten zunimmt. Es ist einfach so, dass die Renaissance kostspieliger ist als die Zeit um 600.

 

2.: Die Darstellung:

Auch wenn es toll ausschaut als Ritter oder Adelige/r über einen Markt zu schlendern: auch hier lauert die Kostenfalle. Die Ausrüstung incl. der „normalen“ Gewandung eines Ritters kann schnell ein paar Tausend Euro kosten.  Das gilt auch für die Adelsdarstellung – wobei es hier natürlich viele Unterschiede gibt. Der kleine Landadelige kommt preiswerter weg als der Hochadel.

Am einfachsten und leichtesten umzusetzen ist die Darstellung als Bauer, Handwerker ,Angehöriger der Kirche oder Magd, Knecht oder sonstiges „Volk“.

Eine Darstellung als Bettler ist ebenfalls nicht ganz einfach – siehe  unter Vermeidung „Kartoffelsack“ – Diese Darstellung ist für Einsteiger ebenfalls nicht unbedingt zu empfehlen.

 

3.: Die passende Gewandung:

Die Kleidung des mittelalterlichen Menschen unterscheidet sich in einigem von der modernen von heute. Beim einfachen Volk war sie praktisch und überschaubar. Je höher der Stand umso aufwändiger die Kleidung.

 

Beispiel Bauer/Bäuerin, einfacher Handwerker, Magd, Knecht,: Der gängige Stoff für das Untendrunter war Leinen, Hanf, Nessel. Der Mann trug eine Bruche (Unterhose) die es in verschiedenen Formen gab. Am gebräuchlichsten ist eine windelähnliche Wickelkonstruktion.  An dieser Bruche bzw. dem Bruchenband- oder Gürtel wurden die Beinlinge (Hose) mit Nestelbändern befestigt. Beinlinge gab es mit und ohne Fuß, sie waren in der Regel aus Wolle und es gab sie auch gefüttert. Bauern bevorzugten die ohne Fuß weil es praktischer war. Der einfache Mensch trug in der Regel wenn überhaupt nur im Winter Strümpfe. Diese waren  genäht und nicht gestrickt und wurden mit einem Band unterhalb des Knies befestigt oder umschlossen lose den unteren Teil des Beins. Zur Unterwäsche des Bauern/Handwerkers, Knecht gehörte noch ein Untergewand/Unterhemd aus Leinen. Dies ging in der Regel bis über den Po und diente sowohl als Unterhemd, Nachtwäsche oder auch als normale Bekleidung bei der Arbeit. Vor allem im Sommer. Über dem Untergewand wurde im Alltag (nicht unbedingt bei der Feldarbeit) noch ein Obergewand/Tunika getragen. Dies war aus Wolle und konnte mit einem Gürtel fixiert werden. Der oft vorne das Hineinschlüpfen erleichternde Schlitz kann mit einer Fibel geschlossen werden. In der kalten Jahreszeit konnte zusätzlich noch ein weiteres Wollgewand/Cotte darüber gezogen werden. Alle Menschen im Mittelalter – sowohl Männer als auch Frauen – bedeckten den Kopf. Für den Mann war die übliche Kopfbedeckung eine Leinenkappe – die Bundhaube -  mit Bändern. Die Bundhaube diente vornehmlich als Schutz vor Läusen und im Winter war es eine zusätzliche wärmende 2. Kappe. Denn über der Bundhaube konnte man noch eine weitere Kopfbedeckung tragen – ebenfalls aus Wolle in unterschiedlicher Form. Bauern hatten in der Regel meist nur die Bundhaube auf. Ein Umhang aus Wolle für die kalten oder nassen Tage oder eine Gugel (eine Art Überwurf bis zur Brust, rundum geschlossen und mit Kapuze), Lederschuhe nur für Bessergestellte, der Rest ging Barfuß, trug geflochtene Schuhe aus Schilf oder Holzschuhe (im Winter mit Stroh drin zum wärmen) – das war die Bekleidung des einfachen Bauern, Knechts oder Handwerkers.

 

 Bei der Bäuerin oder Magd sah es nicht viel anders aus: Untergewand aus Leinen – bei den Frauen ging dies bis zum Knie- selten länger– darüber ein Obergewand/Tunika meist aus Wolle oder im Sommer aus Leinen, in der Regel mit langen Ärmeln und bis zum Knöchel oder  zur Erde reichend,, eine Art „Überwurfschürze“ um das Gewand zu schützen bei der Arbeit, Strümpfe evtl. noch und auch hier bei den Besser gestellten Lederschuhe auch sonst. Flechtschuhe, Holzschuhe oder Barfußgang und ganz wichtig: eine Kopfbedeckung. Bei den bäuerlichen- oder ärmeren Schichten war dies ein großes Leinentuch welches um den Kopf drapiert wurde. Es gibt hierfür unendlich viele Techniken. Auch ein Tuch gehalten mit einer Schapel ist für eine mittelalterliche Frau des mittleren Standes passend ebenso wie das Gebende – ein Leinenstreifen der unterm Kinn über den Kopf hinweg befestigt wurde und mit einem Schleiertuch verziert wurde. Auch hier für die kalten/nassen Tage ein Umhang - seltener die Gugel: fertig war die (einfache) Mittelalterfrau. Die Geister streiten sich ob es für Frauen „Unterhosen“ gab. Es spricht aber nichts dagegen eine zu tragen. Soweit schaut in der Regel niemand……Der mittelalterliche Mann hingegen ist im Lager auch schon mal nur in Bruche und Beinlingen unterwegs.

 

4.: Das Schuhwerk:

 Es gibt Unmengen an Modellen – die mehr oder weniger geeignet sind. Am einfachsten ist es sich an Schuhe zu halten die nach belegten Funden hergestellt wurden. Leider sind Mittelalterschuhe nicht ganz preiswert – aber sie sind in der Regel aus Leder und halten schon einiges aus. Gegen eine zusätzliche feste Sohle ist nichts zu sagen, die Straßenbeläge der Neuzeit sind anders als die im Mittelalter: es sei denn man hat Trippen.(eine Art Unterschuh aus Holz der am eigentlichen Schuh befestigt wird )Es gibt einige Standardmodelle für Mittelalterschuhe die sich über lange Zeit nicht verändert haben. Damit macht man eigentlich nichts falsch. Geflochtene Schuhe sind leider schnell kaputt. Holzschuhe gehen natürlich auch. Sie sind einfach unschlagbar bei schlechtem Wetter! Unbedingt zu vermeiden sind Turnschuhe, Sandalen oder Pumps. Dann lieber barfuß……

 

5.: Kirchenmenschen:

Eine ebenfalls beliebte Darstellung ist der „Mönch“ oder die „Nonne“. Wobei letztere nur sehr selten außerhalb der Klostermauern unterwegs waren. Nonnen lebten weltabgeschieden und waren auf einem Markt kaum anzutreffen! Für die Ausrüstung als Mönch oder Bruder sollte man auf jeden Fall genau überlegen welchen Orden man wählt. Es gab einige Unterschiede in der Bekleidung.  Einfachste Stoffe und oft keine Schuhe waren üblich und normal. Wichtig und dazugehörig: ein Kreuz zum Umhängen, das Zingulum (kordelähnliches Gürtelband) und evtl. das „Betzel“ (kleine runde Kopfbedeckung). Beim letzteren muß von Fall zu Fall geprüft werden ob der gewählte Orden dies überhaupt hatte. Eine Tonsur erwartet natürlich niemand! Einen Bischoff oder ähnliches sollte man sich nicht aussuchen – Hierfür gilt das was für den Hochadel auch gilt: Finger weg als Einsteiger!

 

6.: Der Adel:

Für die adelige Darstellung gilt erstmal für Untendrunter das oben beschriebene. Der Unterschied liegt im Material. Trug der Bauer grobes Leinen hatte der Adelige sehr feines oder Seide. Das gilt auch für die Stoffe der Obergewänder. Je höher gestellt je feiner und aufwendiger die Bekleidung. Wobei hier auch wieder zu unterscheiden ist zwischen niederem Adel und Hochadel. Einsteiger sollten von letztem lieber die Finger lassen!  Der adelige Mann trug auch Schmuck – meist Ringe oder verzierte Schapeln, üppig verzierte Gürteltaschen und Armreifen – sowie Pelze und hochwertiges Schuhwerk.

Die Damenwelt des Adels liebte es natürlich ebenfalls sich zu schmücken. Auch hier wieder gut unterscheiden zwischen niederem und Hochadel! Teure hochwertige Stoffe mit Stickereien, Pelze und ebenfalls hochwertiges Schuhwerk , raffinierte Schnitte der Überkleider und Schmuck unterschieden die Adelige vom einfachen Volk.

 

7.: Materialien für die Gewandung, Herstellung:

Für das Untendrunter Leinen in weiß oder natur. Ausnahmsweise – wenn der Geldbeutel es einfach nicht zulässt Leinen zu kaufen – kann auch Baumwolle genommen werden. Es gab eine Art Mischgewebe im Mittelalter - den Bachant. Ist soweit ich weiß originalgetreu nur schwer zu bekommen.

Für die Obergewänder, Tuniken, Umhänge, Beinlinge und Gugeln in der Regel Wolle. Ob fein oder eher gröber – die Darstellung ist hier entscheidend. Das Mittelalter war vor allem eins: bunt! Wobei für Bauern ungefärbtes, blaues oder graues üblich war. Vorsicht bei Mustern! Und die Farbe Schwarz gab es eigentlich gar nicht und wenn schwarzähnlich dann sehr teuer…….erst zu späteren Zeiten war ein Einfärben in tiefes Schwarz möglich.

Für die Darstellung einer höher gestellten Person kann auch Seide verwendet werden.

Auf gar keinen Fall darf Polyester, Jeansstoff, Möbelstoff, Pannesamt, Georgette, Kunstleder oder ähnliches verwendet werden.

 

Mit Leinen und Wolle liegt man immer richtig!

 

Da Samt des Mittelalters anders war als der heutige sollte man gut überlegen ob man dieses Material verwendet. Wenn überhaupt kommt nur der sehr teure "echte" Samt in Frage.

Knöpfe waren eigentlich erst ab 1350 aktuell. Auch sie waren anders als die heutigen. Gegen schöne Holz- oder Metallknöpfe ist aber in der Regel nichts zu sagen, wenn sie passend verwendet werden.

Kunststoffbänder für Schnürungen an der Bekleidung sind zu vermeiden – wobei auf Schnürungen möglichst verzichtet werden sollte. Sie waren unüblich im Mittelalter und kamen eher in der späteren Zeit auf.

Für Kopfbedeckungen wie Hüte am besten Wolle oder Wollfilz verwenden.

Für Tücher und Hauben Leinen. Es gab auch Stickereien, Perlen, Borten und ganz feine hauchdünne Schleiertücher für die Kopfbedeckungen der Damen. Raffhauben (Klammerbeutel) kamen erst später auf!

Kaum ein Neueinsteiger wird alles per Hand nähen. Aber auch für ein  Einsteigergewand können die sichtbaren Nähte per Hand genäht sein. Das ist nicht so aufwendig wie man meint und schaut einfach besser aus.

Es gibt einige Internetseiten und auch Bücher – für die die es altmodisch lieben – wo man Schnittmuster erhält. Auch Bilder und Steinfiguren z.b. aus Kirchen zeigen wie die Kleidung damals ausschaute. Die Umsetzung Bild=fertiges Gewand ist allerdings nicht ganz einfach.

Es gibt aber genug Personen aus der Szene die lange genug dabei sind und auch gerne weiterhelfen.

 

8.:Die Ausstattung

Neusteinsteiger sollten sich mit der Ausstattung zurückhalten. Ein Tonbecher, Löffel,(für höhere Stände auch gern ein Pfriem), Messer (unverziertes einfaches Messer mit Holz- oder Horngriff), Ledergürteltasche, Almosenbeutel (für höhere Stände zwingend notwendig) – das reicht.. Zum Transport persönlicher Dinge kann eine „Pilgertasche“ genommen werden. Sie ist einfach zu nähen : trapzeförmige Tasche mit Überschlag und Trageriemen/band für die Schulter aus Leinen oder Wolle. Für Darstellung Bauer oder Handwerker kann auch ein Tragekorb (Kiepe oder Henkelkorb ohne! Stoff) genommen werden. Die vielgenutzten Trinkschläuche sind nicht wirklich „A“ aber für den Anfang o.k.. Später sollte man auf richtige Lederschläuche zurückgreifen oder Tonkrüge verwenden. Auch ist sinnvoll eine Eßschale aus Ton oder Holz zu erwerben.

 

Allgmeiner Hinweis der für alles bisher Erklärte gilt: Nur weil etwas schön ausschaut, passt es noch lange nicht. Am besten erst einmal schlau machen und dann kaufen!

Zugeständnisse bzgl. Material und Aussehen sind immer dann möglich, wenn das Gewünchte zeitlich passt und stimmig ist. Gut ist auch der Ansatz: Das hätte es unter Berücksichtigung des damaligen Kenntnisstandes gegeben haben können.

 

Zu vermeiden ist das im Folgenden aufgeführte:

 

Bitte unbedingt auf die üblichen Trinkhörnchen verzichten! Hörner gehören ans Tier und selbiges gegebenenfalls  als Mahlzeit auf den Tisch. Alles andere ist einfach Mist! Die Trinkhörner die tatsächlich verwendet wurden sind eher der schamanischen Szene der frühen Kelten, Wikinger oder dergleichen zuzuordnen. Am Tisch steht der Becher. Bei späteren hochgestellten Personendarstellungen auch gern ein Nuppenglas.

 

Ebenso sollten keine modernen Flaschen, Bierkrüge oder Dosen sichtbar sein. Bitte umfüllen in Becher oder Trinkschlauch.

 

Keine Felle über der Schulter oder gar als „Kleidung“ – Ihr stellt keine Höhlenbewohner dar!

Auch bei einfachster Darstellung (Bettler): keine umgearbeiteten Kartoffelsäcke. Selbst die ärmsten Menschen trugen KLEIDUNG!

 

Handy, Zigaretten, Kamera sichtbar getragen oder moderner Schmuck (wenn möglich Piercings raus), Armbanduhren machen jede ansonsten gute Darstellung kaputt! Nichts schaut schlimmer aus als eine "adelige Dame" mit der Kippe im Mund.

 

Brille ist natürlich o.k. – nur keine Sonnenbrillen!

 

Wenn Ihr auf dem Markt etwas gekauft habt: keine Tüten vom Händler. Ihr habt eine Pilgertasche oder einen Korb dabei….

 

Ebenso sollte man vermeiden Schmuck und Zubehör aus der Phantasieszene ins Mittelalter zu übernehmen.

Für die Damen: Es gab zwar „Schminke“ (hauptsächlich von Hübschlerinnen genutzt) aber die wollt Ihr nicht benutzen (giftig!) Also seht natürlich aus wie die normale Mittelalterfrau auch.

 

Haare: Ihr lebt heute und im Jetzt. Also ist das was Ihr auf Kopf tragt o.k. Und da der mittelalterliche Mensch seinen Kopf in der Regel ohnehin bedeckt hielt, ist es egal ob Ihr grüne oder rote, gelockte oder glatte, lange oder kurze Haare habt: verhüllt sie (Frauen ab dem Erwachsenenalter) oder setzt die Bundhaube auf. "oben ohne" geht gar nicht!

 

Tätowierungen: ok. - man hat sie halt. Aber im Mittelalter gab es sowas - zumindest hier -  nicht. Also wenn möglich verdecken.

Über die "Schild- oder Schwertmaiden" lass ich mich nicht aus...... willkommen im Land der Fantasie!

 

Allgemeines Marktverhalten:

Den sogenannten „Marktsprech“ finden nur die Besucher cool. Da keiner Mittelhochdeutsch spricht  oder verstehen würde bleibt bei Eurer normalen Sprache. Das ist authentischer als manch gedrechselter Satz.

 

Ärgert Euch nicht über kritische Kommentare. Sind sie von kompetenter Stelle - und da gibts ganz viele von - hakt nach wie man es besser machen kann und warum ausgerechnet diese Naht o.Ä falsch ist. Jeder hat mal klein angefangen - aber man kann ja (rein)wachsen. "Runtermachkommentare" ignorieren - kommen meist von Leuten bei denen man bei genauem Hinsehen auch den einenn oder anderen Fehler findet. Und vor allem erzählt dem Besucher nichts wovon Ihr keine Ahnung habt. Ein freundliches "ich bin auch noch ein Neuling" kommt besser an als eine oft haarsträubende Räuberpistole über die Ausrüstung oder Kleidung.

 

Bei allem sollte eines nicht vergessen werden: Das Hobby Mittelalter ist extrem komplex und es niemanden der alles beherrscht oder 100% richtig macht. Es soll auch Spaß machen zu lagern oder über den Markt zu gehen. Ist es Euch am wichtigsten gelegentlich eine kleine Auszeit vom Heute zu nehmen - auch gut. Betreibt Ihr das Hobby ernsthaft - noch besser.

 

                     

 

                                         Und jetzt viel Vergnügen bei der Zeitreise!

 

 

             

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